Seit etwa zwei Wochen besuche ich einen Sprachkurs. Er tut gut, denn es tut gut, sich alleine im fremdsprachigen Land zu bewegen und dabei auch noch ab und zu den Mund aufzumachen.

Wer in Österreich deutsch lernt, erwirbt damit ein Kommunikationsmedium. Ob und wieweit einer/einem ein österreichischer Nestgeruch zugesprochen wird, hängt von anderen Dingen ab als von der Normgerechtigkeit der eigenen Äußerungen. (In wichtigen Spielen Tore für die Männer-Fußball-Nationalmannschaft zu schießen etwa kommt selbst beim xenophoben österreichischen Leitmedium gut an.) Und den Schmäh muss man soundso selbst mitbringen …

Wer in Frankreich französisch lernt, betritt einen Tempel. Französisch ist eigentlich keine Sprache, sondern eine nahezu unausschöpfliche Kompilation ausgetüftelter Rituale; die Vordrucke für die Wechselgesänge am Markt, der Beichtspiegel für den geschäftlichen Dialog, das Brevier für die Erzählung vom letzten Wochenende. Französisch ist ein Netz, das den gesamten französischen Alltag durchwirkt und trägt; es fängt außerdem auch noch jene Dinge auf, die außergewöhnlich sind … Es ist das Messbuch des französischen Lebens. Die beruflich Schreibenden sind die PriesterInnen dieses Gesetzes, die Mitglieder der académie française die sagenumwobenen HohepriesterInnen.

Nicht, dass die Mehrzahl der Bevölkerung zum inneren Kreis der Eingeweihten zählen würde … Rechtschreibfehler sind eine Selbstverständlichkeit (kein Wunder, schließlich schreibt man in Frankreich ja eine andere Sprache, als man spricht). Und um die Bedeutung aller Wörter in einem etwas gehobenen Text entschlüsseln zu können, zieht man ein Wörterbuch zu Rate. Aber im Gegensatz zu Österreich, wo man gerade auf eine möglichst dialektale Sprachverwendung stolz ist, bringt man in Frankreich jenen eine gewisse Achtung entgegen, die tiefer in das Gesetz eingedrungen sind. Wer aber neu hinzugekommen ist, lebt in gewissem Sinn erst dann wirklich da, wenn sie/er die Sprache beherrscht.

In weiterer Folge hält man es in Frankreich für extrem mühsam wenn nicht für nahezu unmöglich, eine andere Sprache als Französisch zu lernen. Das bewirkt, dass es selbst im staatlichen TV und Radio als unschickliches posing gelten würde, fremdsprachliche Ausdrücke so auszusprechen, wie das außerhalb Frankreichs üblich ist:

Als etwa der österreichische Regisseur Mikael Anökö in diesem Jahr in Cannes geehrte wurde, war in den Zeitungen auch Lob zu lesen, dass er jetzt endlich gut französisch sprechen könne. Die Party war übrigens wie jedes Jahr eine riesen Hetz. Sogar Migg Dschäckörch war dort. (P.)

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