Wie sinnlos naturalisierende Wesens-Zuschreibungen sind, lässt sich am schönsten im sogenannten Käse-Experiment studieren. Dabei werden zwei gleichartige Käsestücke zwei verschiedenen Testpersonen vorgelegt, eine muss dabei stark vom französischen Kulturkreis geprägt sein, die andere z. B. österreichisch.

Bereits kurze Zeit nach Beginn des Experiments zeigt sich, dass Käse in französischer Hand eine vollkommen andere Materialität aufweist als in österreichischer: Während französisch gelebter Käse eine manchmal mehr harte, manchmal (eher) weiche MASSE darstellt, ähnlich einem Kuchen oder einer Torte, und entsprechend in STÜCKE geschnitten wird, handelt es sich beim österreichisch in Angriff genommenem Käse um einen mehr oder weniger unförmigen GEGENSTAND, mit dem es nur eine richtige Art des Umgangs gibt: Es muss in möglichst viele, möglichst dünne, möglichst gleichförmige BRETTER zersägt werden; egal, ob es sich um einen schönen, festen P’tit Basque oder um einen zart geschmolzenen alten Camembert handelt.

Der unterschiedlichen Materialität entspricht eine mindestens ebenso unterschiedliche Metaphysik: Während sich der französische Käse selbständigen Seins erfreut, einen eigenen Gang in der Speisenabfolge eingeräumt bekommen hat und vom Brot bestenfalls begleitet wird, führt der österreichische ein abhängiges, geknechtetes Dasein; die einzige Rechtfertigung für seine Existenz liegt darin, seine wohlgeordnete letzte Ruhestätte auf einem BUTTERBROT zu finden, das ohne ihn übrigens genauso gut ausgekommen wäre.

Zum Ausgleich dafür muss der französische Käse in Kauf nehmen, bisweilen etwas zu sein, was in Österreich SO nie auf den Tisch kommen, geschweige denn als „Käse“ geehrt würde: lediges (pures) Joghurt bzw. lediger (purer) Topfen. Womit wir wieder beim Anfang wären: Falls Ihnen jemand etwas über „die Natur“ des Käses (oder sonst einer Sache) erzählen will: Glauben Sie’s einfach nicht! (P.)

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